Der Stand der Dinge: Fünf Fragen mit Sonngard Marcks

Zusätzlich zu dem wöchentlichen Beitrag über Sonngard Marcks ziehen wir heute eine Zwischenbilanz mit der Künstlerin, die seit Anfang April hier im MUSEUM SCHLOSS FÜRSTENBERG an ihrer Sonderausstellung arbeitet.


Liebe Sonngard, Du bist nun seit beinahe einem Monat hier und die Hälfte deiner Projektzeit liegt noch vor Dir. Wie bist Du bisher zurechtgekommen?
Sonngard Marcks: Das kann ich selber nun wirklich nicht beurteilen! Ich weiß nur, dass ich mich unglaublich angeregt fühle. (Lacht) Wie auf Droge, in einem richtigen Fürstenbergrausch! Ich sehe wirklich Teller und Tassen bis in die Nacht! Ich fühle mich dabei unheimlich inspiriert und gedanklich drin, dieses Gefühl kann ich kaum in Worte fassen. Und natürlich bin ich hier ganz begeistert von den Möglichkeiten, von der Inspiration um mich herum. Auch von dem, was in mir passiert. Ich sehe Dinge, greife sie auf und verarbeite sie dann sofort. Alles in meinem Kopf wird direkt verwertet. Alles wird zur Anregung! Ich mache einen Spaziergang an der wunderbaren Weser, beobachte den Wasserlauf und entdecke dann plötzlich das schöne Wiesenschaumkraut, entdecke alles, was hier so blüht. Und dann fühle ich sofort diesen Drang, der in mir ruft: „Bring’s irgendwo unter!“ Das gefällt mir hier auch besonders gut; die Auseinandersetzung mit dem Ort, an dem ich gerade bin. Die Interaktion mit der Wirklichkeit, die mich umgibt. Das ist wirklich ein rauschhafter Zustand, aus dem ich kaum einen Absprung finde!
Wie unterscheidet sich dieses Projekt von Deinen bisherigen Ausstellungen?
Sonngard Marcks: Zunächst, dass ich nicht auf den von mir gefertigten Formen male. Sonst drehe ich meine eigenen Teller und forme meine eigenen Vasen. Nicht mit meinen eigenen Medien zu arbeiten ist bislang eher randläufig gewesen. Ich arbeite hier mit dem Fürstenbergporzellan und verarbeite nur die Dinge, die ich hier vorfinde und mir aussuche. Gegebenenfalls setze ich sie zu neuen Formen zusammen und kombiniere sie mit eigenen Stücken, die ich selbst mitgebracht habe. Aber ich bin schon auf das Material angewiesen, das ich hier vorfinde. Außerdem habe ich einen fest gesteckten Zeitraum, an dem das Projekt endgültig beendet ist. Auch meine Herangehensweise beschränkt sich hier auf den Ort und auf das Medium Porzellan. Sonst arbeite ich ja mit vielen verschiedenen Keramikarten. Aber hier arbeite ich beinahe ausschließlich auf Porzellan und zwar nicht nur in der Reflektion von Fürstenberg, sondern mit den Dekormöglichkeiten von Porzellan generell. Ich gehe mit dem Porzellan eigene Wege, auch mit plastischen Veränderungen. Ich beklebe, setze zusammen, bemale…damit kreiere ich ein ganz eigenes Gesicht der Weißware. Und natürlich gehe ich hier nicht die Wege der Manufaktur – ich fertige ja keine reproduktionsfähigen, markttauglichen Dinge. Mein Anspruch ist rein artifiziell. Was nicht heißt, dass man meine Stücke nicht gegebenenfalls benutzen kann.
Was planst Du für deine restlichen Wochen hier im Museum?
Sonngard Marcks: Oh, zu viel! So viel, dass es mir schwerfällt, mir keine schlaflosen Nächte zu bereiten. Ich muss ganz viele Dinge aus dem Kopf streichen, weil ich sie alle unmöglich umsetzen kann. Ich muss noch meine bislang gemalten Serien vervollständigen, weiter an meinen Scherenschnitten arbeiten…Es gibt so viele Eindrücke, die auf mich zufliegen! Ich möchte noch Teller mit Besteck bemalen, noch mehr Scherben bemalen, um damit meine Wand zu vervollständigen. Ich will noch die Kuriositäten bearbeiten, die ich hier gefunden habe…die Ideen sind endlos! Ich finde so viele Dinge toll, ich muss sie alle malen, aber dafür habe ich nicht mehr endlos Zeit! Ich arbeite schon an den etwas repräsentativeren Stücken, um mich nicht zu verlieren. Nicht nur rein gestalterisch, sondern einfach rein vom Zeitfaktor!
Was liegt Dir am MUSEUM SCHLOSS FÜRSTENBERG besonders am Herzen?
Sonngard Marcks: Es ist ein wunderbares Kleinod. Allein die Schatzkammer, die unten im Museum zu finden ist, empfinde ich als eine reine Wunderkammer! Architektonisch ist alles so wunderbar, es ist ein unheimlich atmendes Gebäude. Landschaftlich ist das Schloss natürlich auch zauberhaft gelegen. Besonders gut gefällt mir, dass es alles nicht so laut ist, alles ein bisschen leiser. Hier ist ein Ort, an dem man unglaublich gut arbeiten kann.
Hast Du einen fröhlichen Gruß an alle Leser?
Sonngard Marcks: Kommen Sie nach FÜRSTENBERG! Ich kann es nur empfehlen. Lassen Sie sich ein auf etwas Langsamkeit, auf etwas im ersten Augenblick nicht so spektakuläres, aber auf einen großen Reichtum auf den zweiten und dritten Blick!

Auf- und Unterglasurmalerei

Nicht alle der von Sonngard Marcks im Museum Schloss Fürstenberg gefertigten Stücke sind aus brandneuem Porzellan der Manufaktur entstanden. Einige Objekte der aktuellen Sonderausstellung sind aus reinen Fundstücken gemacht: Die Künstlerin ist ständig auf der Suche nach altem Porzellan aus den Beständen des Museums, das sie für ihre Stücke benutzen kann. Ob alte Teller, abgebrochene Tassenhenkel oder Scherben, Frau Marcks freut sich über die interessanten Zufallsfunde, die eine so reichhaltige Geschichte erzählen können!

In diesem Beitrag wollen wir einen genaueren Blick auf einige bestimmte Stücke der Sonderausstellung werfen: Die Teller und Scherben mit Unterglasurmalerei.
Unterglasurmalerei ist eine spezielle Technik mit langer Tradition. Bei dieser Methode wird die Farbe vor dem zweiten Brand aufgetragen, bevor die Glasur den Scherben versiegeln kann. Bei dem saugfähigen Scherben, der erst einmal im Glühbrand bei 1000 Grad Celsius gebrannt wurde, sinkt die Farbe sofort in das poröse Material ein und kann danach nicht mehr entfernt werden. Anschließend wird die Glasur über die Farbe aufgetragen und im Glasurbrand bei ca. 1400 Grad Celsius gebrannt; danach kann der Malerei nichts mehr etwas anhaben. Die auf diese Art und Weise gemalten Porzellanteile dürften sogar bedenkenlos in die Spülmaschine! Die enorme Hitze des Glasurbrandes halten nicht viele Farben aus, ursprünglich nur das klassische Kobaltblau. Mit der Zeit entwickelte sich eine größere Farbpalette, das Kobaltblau bleibt aber weiterhin die Referenzfarbe für die Unterglasurmalerei.


Sonngard Marcks kombiniert nun die gefundenen Teller mit der Unterglasurmalerei geschickt mit ihrer eigenen Kunst, der Aufglasurtechnik. Hierbei malt sie, wie bei ihren anderen Stücken auch, auf die Glasur und dabei auch über die unter der Glasur liegenden Motive, sodass gekonnt ein 3-D Effekt entsteht. So scheinen die feinen Blüten und Gräser sowie die filigranen Insekten miteinander zu verschmelzen und bilden so ein ganz einzigartiges Kunstwerk!

Porzellan à la Chinoise

Während Porzellan in China eine Jahrtausende alte Geschichte hat, ist das „weiße Gold“ bei uns in Europa eine verhältnismäßig moderne Angelegenheit: